Harold Livingston, Sohn von Flora und Artur Löwenstein: Vom Vertriebenen zum Befreier
Am 15. April jährt sich zum 81. Mal der Tag der Befreiung des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Zu den Befreiern gehörte ein junger Mann, der 1936 aus dem Schwabenland von NS-Tätern vertrieben worden war. Der Löwenstein-Forschungsverein e.V. hat in seiner derzeitigen Ausstellung „Mössinger Moderne ……….“ die Verbindung zu Mössingen hergestellt. Auf dem Banner (RollUp) zur Lebensgeschichte von Harold Livingston, dem Sohn der Pausa-Mitbegründenden Flora und Artur Löwenstein, beschrieben wir Momente eines Traumas. Dort heißt es:
„Die Nazis hatten es nicht geschafft, mich zu töten.“ Dieser Satz von Harold Livingston kennzeichnete im Mai 2009 die erste Begegnung in Manchester, als er 73 Jahre nach dem erzwungenen Verlassen Mössingens die Einladung zum ersten Besuch in die Steinlachstadt in den Händen hielt. Dieser Satz stand am Anfang seiner Freundschaft zum Löwenstein-Forschungsverein e.V. Es war ein harter Satz und zugleich eine ungebrochene, aufrechte Lebenshaltung. Harold Livingston wurde am 20. November 1923 in Stuttgart als Sohn der Eheleute Flora und Artur Löwenstein geboren. Die Löwensteins gehörten zur offenen liberalen jüdischen Kultur in Schwaben. Als Kind mit dem Namen Helmut Löwenstein hielt er sich häufig in Mössingen auf und bewunderte die Webmaschinen im elterlichen Betrieb Pausa.
„Ich erinnere mich auch, dass am Anfang, wie ich die Fabrik gesehen habe, alles noch durch Dampf getrieben wurde. Später gingen sie auf Elektrizität. Der Dampf hat mir mehr bedeutet. Die große Dampfmaschine zu sehen, die das alles getrieben hat, das war für mich alles sehr interessant. […] Nach den Schwierigkeiten Anfang der dreißiger Jahre wurde das Stuttgarter Büro aufgegeben. Dann war die ganze Administration in Mössingen selbst. Soweit mein Vater und mein Onkel sich nicht auf irgendeiner Reise befanden, waren sie die Woche über in Mössingen. Es gab eine Wohnung über dem Büro. Da bin ich mit meinem Vater gewesen, von Montag bis Freitag. Des öfteren.“ (Harold Livingston, 2009).
Im Alter von 13 Jahren wurde er samt seinen Eltern von Nationalsozialisten ins Exil vertrieben. Im Alter von 22 Jahren kam er in britischer Soldatenuniform auf deutschen Boden zurück. Er war Teil der Alliierten geworden und hatte zu seinem Schutz den Namen Harold Livingston angenommen. Es war eine besondere Symbolik in seinem Leben: Ein Vertriebener, der als Befreier zurückkehrte.
Harold Livingston kam im April 1945 wenige Tage nach der Befreiung zum KZ Bergen-Belsen. Dieser Moment der Befreiung und des Entsetzens über das unbeschreibliche dortige Leiden hat ihn lebenslang geprägt. Einen Monat vor der Befreiung wurde im KZ Bergen-Belsen die junge Anne Frank von NS-Tätern ermordet.
„Ich kam gerade mal eine Woche, nachdem es von britischen Truppen befreit worden war, nach Belsen. Alle Überlebenden waren noch im Lager und auch die Stapel der Leichen. Die Überlebenden sahen aus, als wären sie zu 99 % tot. Es war ein furchtbares Erlebnis. Ich sah die Gaskammern und die Öfen, in denen die Leichen verbrannt wurden. Ich habe lange nach einem Foto gesucht, das ich von dem Schild am Eingang des Lagers gemacht habe, und das britische Soldaten aufgestellt hatten. Darauf stand: ,Dies ist ein Beispiel deutscher ,Kultur‘!“ (Harold Livingston, 2012).
Mehrfach kam Harold Livingston auf Initiative des Löwenstein-Forschungsvereins e.V. nach Mössingen. In den Jahren 2009, 2011 und 2013 schloss er in Mössingen neue Freundschaften. Er reichte der Stadtgesellschaft die Hand. Zu seinen Ferunden gehörte insbesondere Otto Belser.
Harold Livingston und Otto Belser wurden Ehrenmitglieder des Löwenstein-Forschungsvereins e.V.
Heute – viele Jahre später – sind weitere Erkenntnisse über das KZ Bergen-Belsen bekannt geworden. Die Gedenkstätte Bergen-Belsen beschreibt den nationalsozialistischen Terror:
Mindestens 38.000 Menschen starben zwischen der Einrichtung des Lagers im April 1943 und dem Tag der Befreiung am 15. April 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Trotz umfangreicher Hilfsmaßnahmen der Britischen Armee starben 14.000 weitere Kinder, Frauen und Männer in den ersten Wochen nach der Befreiung an den Folgen epidemischer Krankheiten, Unterernährung und Misshandlungen. Zu der Gesamtzahl von 52.000 Todesopfern in Bergen-Belsen müssen zusätzlich mehrere Hundert Menschen gezählt werden, die während dreier Räumungstransporte aus Bergen-Belsen oder nach ihrer Befreiung an anderen Orten umkamen. Darüber hinaus starben viele Überlebende an den Folgen der Haft, nachdem sie Bergen-Belsen verlassen hatten und in umliegende Krankenhäuser, ihre Herkunftsländer oder zur Rekonvaleszenz nach Schweden gebracht wurden. Auch diese Menschen sind Opfer des KZ Bergen-Belsen. Ihre Namen sollen hier genannt werden. Für das Sterben dieser Menschen war unmittelbar die SS verantwortlich. Trotz jahrzehntelanger Forschungen konnten bis heute nur Namen und Daten zu etwa 11.500 Toten gefunden werden. Es ist unerträglich, dass damit die allermeisten der ums Leben gebrachten Kinder, Frauen und Männer namenlos bleiben. Das Totenbuch ist Ausdruck des Bemühens, an die Namen aller Toten zu erinnern. Es ist nicht abgeschlossen. (Siehe: https://kz.bergen-belsen-totenbuch.de/)