{"id":528,"date":"2026-04-15T21:13:49","date_gmt":"2026-04-15T19:13:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.initiative-loewensteinverein.de\/wpc\/?p=528"},"modified":"2026-04-15T21:17:04","modified_gmt":"2026-04-15T19:17:04","slug":"harold-livingston-sohn-von-flora-und-artur-loewenstein-vom-vertriebenen-zum-befreier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.initiative-loewensteinverein.de\/wpc\/index.php\/2026\/04\/15\/harold-livingston-sohn-von-flora-und-artur-loewenstein-vom-vertriebenen-zum-befreier\/","title":{"rendered":"Harold Livingston, Sohn von Flora und Artur L\u00f6wenstein: Vom Vertriebenen zum Befreier"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Am 15. April j\u00e4hrt sich zum 81. Mal der Tag der Befreiung des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Zu den Befreiern geh\u00f6rte ein junger Mann, der 1936 aus dem Schwabenland von NS-T\u00e4tern vertrieben worden war. Der L\u00f6wenstein-Forschungsverein e.V. hat in seiner derzeitigen Ausstellung \u201eM\u00f6ssinger Moderne \u2026\u2026\u2026.\u201c die Verbindung zu M\u00f6ssingen hergestellt. Auf dem Banner (RollUp) zur Lebensgeschichte von Harold Livingston, dem Sohn der Pausa-Mitbegr\u00fcndenden Flora und Artur L\u00f6wenstein, beschrieben wir Momente eines Traumas. Dort hei\u00dft es:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDie Nazis hatten es nicht geschafft, mich zu t\u00f6ten.\u201c <\/em>Dieser Satz von Harold Livingston kennzeichnete im Mai 2009 die erste Begegnung in Manchester, als er 73 Jahre nach dem erzwungenen Verlassen M\u00f6ssingens die Einladung zum ersten Besuch in die Steinlachstadt in den H\u00e4nden hielt. Dieser Satz stand am Anfang seiner Freundschaft zum L\u00f6wenstein-Forschungsverein e.V. Es war ein harter Satz und zugleich eine ungebrochene, aufrechte Lebenshaltung. Harold Livingston wurde am 20. November 1923 in Stuttgart als Sohn der Eheleute Flora und Artur L\u00f6wenstein geboren. Die L\u00f6wensteins geh\u00f6rten zur offenen liberalen j\u00fcdischen Kultur in Schwaben. Als Kind mit dem Namen Helmut L\u00f6wenstein hielt er sich h\u00e4ufig in M\u00f6ssingen auf und bewunderte die Webmaschinen im elterlichen Betrieb Pausa.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eIch erinnere mich auch, dass am Anfang, wie ich die Fabrik gesehen habe, alles noch durch Dampf getrieben wurde. Sp\u00e4ter gingen sie auf Elektrizit\u00e4t. Der Dampf hat mir mehr bedeutet. Die gro\u00dfe Dampfmaschine zu sehen, die das alles getrieben hat, das war f\u00fcr mich alles sehr interessant. [\u2026] Nach den Schwierigkeiten Anfang der drei\u00dfiger Jahre wurde das Stuttgarter B\u00fcro aufgegeben. Dann war die ganze Administration in M\u00f6ssingen selbst. Soweit mein Vater und mein Onkel sich nicht auf irgendeiner Reise befanden, waren sie die Woche \u00fcber in M\u00f6ssingen. Es gab eine Wohnung \u00fcber dem B\u00fcro. Da bin ich mit meinem Vater gewesen, von Montag bis Freitag. Des \u00f6fteren.\u201c<\/em> (Harold Livingston, 2009).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Alter von 13 Jahren wurde er samt seinen Eltern von Nationalsozialisten ins Exil vertrieben. Im Alter von 22 Jahren kam er in britischer Soldatenuniform auf deutschen Boden zur\u00fcck. Er war Teil der Alliierten geworden und hatte zu seinem Schutz den Namen Harold Livingston angenommen. Es war eine besondere Symbolik in seinem Leben: Ein Vertriebener, der als Befreier zur\u00fcckkehrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Harold Livingston kam im April 1945 wenige Tage nach der Befreiung zum KZ Bergen-Belsen. Dieser Moment der Befreiung und des Entsetzens \u00fcber das unbeschreibliche dortige Leiden hat ihn lebenslang gepr\u00e4gt. Einen Monat vor der Befreiung wurde im KZ Bergen-Belsen die junge Anne Frank von NS-T\u00e4tern ermordet.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eIch kam gerade mal eine Woche, nachdem es von britischen Truppen befreit worden war, nach Belsen. Alle \u00dcberlebenden waren noch im Lager und auch die Stapel der Leichen. Die \u00dcberlebenden sahen aus, als w\u00e4ren sie zu 99 % tot. Es war ein furchtbares Erlebnis. Ich sah die Gaskammern und die \u00d6fen, in denen die Leichen verbrannt wurden. Ich habe lange nach einem Foto gesucht, das ich von dem Schild am Eingang des Lagers gemacht habe, und das britische Soldaten aufgestellt hatten. Darauf stand: ,Dies ist ein Beispiel deutscher ,Kultur\u2018!\u201c<\/em> (Harold Livingston, 2012).<\/p>\n\n\n\n<p>Mehrfach kam Harold Livingston auf Initiative des L\u00f6wenstein-Forschungsvereins e.V. nach M\u00f6ssingen. In den Jahren 2009, 2011 und 2013 schloss er in M\u00f6ssingen neue Freundschaften. Er reichte der Stadtgesellschaft die Hand. Zu seinen Ferunden geh\u00f6rte insbesondere Otto Belser.<\/p>\n\n\n\n<p>Harold Livingston und Otto Belser wurden Ehrenmitglieder des L\u00f6wenstein-Forschungsvereins e.V.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute \u2013 viele Jahre sp\u00e4ter \u2013 sind weitere Erkenntnisse \u00fcber das KZ Bergen-Belsen bekannt geworden. Die Gedenkst\u00e4tte Bergen-Belsen beschreibt den nationalsozialistischen Terror: <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><em>Mindestens 38.000 Menschen starben zwischen der Einrichtung des Lagers im April 1943 und dem Tag der Befreiung am 15. April 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Trotz umfangreicher Hilfsma\u00dfnahmen der Britischen Armee starben 14.000 weitere Kinder, Frauen und M\u00e4nner in den ersten Wochen nach der Befreiung an den Folgen epidemischer Krankheiten, Unterern\u00e4hrung und Misshandlungen. Zu der Gesamtzahl von 52.000 Todesopfern in Bergen-Belsen m\u00fcssen zus\u00e4tzlich mehrere Hundert Menschen gez\u00e4hlt werden, die w\u00e4hrend dreier R\u00e4umungstransporte aus Bergen-Belsen oder nach ihrer Befreiung an anderen Orten umkamen. Dar\u00fcber hinaus starben viele \u00dcberlebende an den Folgen der Haft, nachdem sie Bergen-Belsen verlassen hatten und in umliegende Krankenh\u00e4user, ihre Herkunftsl\u00e4nder oder zur Rekonvaleszenz nach Schweden gebracht wurden. Auch diese Menschen sind Opfer des KZ Bergen-Belsen. Ihre Namen sollen hier genannt werden. F\u00fcr das Sterben dieser Menschen war unmittelbar die SS verantwortlich. Trotz jahrzehntelanger Forschungen konnten bis heute nur Namen und Daten zu etwa 11.500 Toten gefunden werden. Es ist unertr\u00e4glich, dass damit die allermeisten der ums Leben gebrachten Kinder, Frauen und M\u00e4nner namenlos bleiben. Das Totenbuch ist Ausdruck des Bem\u00fchens, an die Namen aller Toten zu erinnern. Es ist nicht abgeschlossen.<\/em> (Siehe: <a href=\"https:\/\/kz.bergen-belsen-totenbuch.de\/\">https:\/\/kz.bergen-belsen-totenbuch.de\/<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 15. April j\u00e4hrt sich zum 81. Mal der Tag der Befreiung des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Zu den Befreiern geh\u00f6rte ein junger Mann, der 1936 aus dem Schwabenland von NS-T\u00e4tern vertrieben worden war. Der L\u00f6wenstein-Forschungsverein e.V. hat in seiner derzeitigen Ausstellung \u201eM\u00f6ssinger Moderne \u2026\u2026\u2026.\u201c die Verbindung zu M\u00f6ssingen hergestellt. Auf dem Banner (RollUp) zur Lebensgeschichte von Harold Livingston, dem Sohn der Pausa-Mitbegr\u00fcndenden Flora und Artur L\u00f6wenstein, beschrieben wir Momente eines Traumas. Dort hei\u00dft es: \u201eDie Nazis hatten es nicht geschafft, mich zu t\u00f6ten.\u201c Dieser Satz von Harold Livingston kennzeichnete im Mai 2009 die erste Begegnung in Manchester, als er 73 Jahre nach dem erzwungenen Verlassen M\u00f6ssingens die Einladung zum ersten Besuch in die Steinlachstadt in den H\u00e4nden hielt. Dieser Satz stand am Anfang seiner Freundschaft zum L\u00f6wenstein-Forschungsverein e.V. Es war ein harter Satz und zugleich eine ungebrochene, aufrechte Lebenshaltung. Harold Livingston wurde am 20. November 1923 in Stuttgart als Sohn der Eheleute Flora und Artur L\u00f6wenstein geboren. Die L\u00f6wensteins geh\u00f6rten zur offenen liberalen j\u00fcdischen Kultur in Schwaben. Als Kind mit dem Namen Helmut L\u00f6wenstein hielt er sich h\u00e4ufig in M\u00f6ssingen auf und bewunderte die Webmaschinen im elterlichen Betrieb Pausa. \u201eIch erinnere mich auch, dass am Anfang, wie ich die Fabrik gesehen habe, alles noch durch Dampf getrieben wurde. Sp\u00e4ter gingen sie auf Elektrizit\u00e4t. Der Dampf hat mir mehr bedeutet. Die gro\u00dfe Dampfmaschine zu sehen, die das alles getrieben hat, das war f\u00fcr mich alles sehr interessant. [\u2026] Nach den Schwierigkeiten Anfang der drei\u00dfiger Jahre wurde das Stuttgarter B\u00fcro aufgegeben. Dann war die ganze Administration in M\u00f6ssingen selbst. Soweit mein Vater und mein Onkel sich nicht auf irgendeiner Reise befanden, waren sie die Woche \u00fcber in M\u00f6ssingen. Es gab eine Wohnung \u00fcber dem B\u00fcro. Da bin ich mit meinem Vater gewesen, von Montag bis Freitag. Des \u00f6fteren.\u201c (Harold Livingston, 2009). Im Alter von 13 Jahren wurde er samt seinen Eltern von Nationalsozialisten ins Exil vertrieben. Im Alter von 22 Jahren kam er in britischer Soldatenuniform auf deutschen Boden zur\u00fcck. Er war Teil der Alliierten geworden und hatte zu seinem Schutz den Namen Harold Livingston angenommen. Es war eine besondere Symbolik in seinem Leben: Ein Vertriebener, der als Befreier zur\u00fcckkehrte. Harold Livingston kam im April 1945 wenige Tage nach der Befreiung zum KZ Bergen-Belsen. Dieser Moment der Befreiung und des Entsetzens \u00fcber das unbeschreibliche dortige Leiden hat ihn lebenslang gepr\u00e4gt. Einen Monat vor der Befreiung wurde im KZ Bergen-Belsen die junge Anne Frank von NS-T\u00e4tern ermordet. \u201eIch kam gerade mal eine Woche, nachdem es von britischen Truppen befreit worden war, nach Belsen. Alle \u00dcberlebenden waren noch im Lager und auch die Stapel der Leichen. Die \u00dcberlebenden sahen aus, als w\u00e4ren sie zu 99 % tot. Es war ein furchtbares Erlebnis. Ich sah die Gaskammern und die \u00d6fen, in denen die Leichen verbrannt wurden. Ich habe lange nach einem Foto gesucht, das ich von dem Schild am Eingang des Lagers gemacht habe, und das britische Soldaten aufgestellt hatten. Darauf stand: ,Dies ist ein Beispiel deutscher ,Kultur\u2018!\u201c (Harold Livingston, 2012). Mehrfach kam Harold Livingston auf Initiative des L\u00f6wenstein-Forschungsvereins e.V. nach M\u00f6ssingen. In den Jahren 2009, 2011 und 2013 schloss er in M\u00f6ssingen neue Freundschaften. Er reichte der Stadtgesellschaft die Hand. Zu seinen Ferunden geh\u00f6rte insbesondere Otto Belser. Harold Livingston und Otto Belser wurden Ehrenmitglieder des L\u00f6wenstein-Forschungsvereins e.V. Heute \u2013 viele Jahre sp\u00e4ter \u2013 sind weitere Erkenntnisse \u00fcber das KZ Bergen-Belsen bekannt geworden. Die Gedenkst\u00e4tte Bergen-Belsen beschreibt den nationalsozialistischen Terror: Mindestens 38.000 Menschen starben zwischen der Einrichtung des Lagers im April 1943 und dem Tag der Befreiung am 15. April 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Trotz umfangreicher Hilfsma\u00dfnahmen der Britischen Armee starben 14.000 weitere Kinder, Frauen und M\u00e4nner in den ersten Wochen nach der Befreiung an den Folgen epidemischer Krankheiten, Unterern\u00e4hrung und Misshandlungen. Zu der Gesamtzahl von 52.000 Todesopfern in Bergen-Belsen m\u00fcssen zus\u00e4tzlich mehrere Hundert Menschen gez\u00e4hlt werden, die w\u00e4hrend dreier R\u00e4umungstransporte aus Bergen-Belsen oder nach ihrer Befreiung an anderen Orten umkamen. Dar\u00fcber hinaus starben viele \u00dcberlebende an den Folgen der Haft, nachdem sie Bergen-Belsen verlassen hatten und in umliegende Krankenh\u00e4user, ihre Herkunftsl\u00e4nder oder zur Rekonvaleszenz nach Schweden gebracht wurden. Auch diese Menschen sind Opfer des KZ Bergen-Belsen. Ihre Namen sollen hier genannt werden. F\u00fcr das Sterben dieser Menschen war unmittelbar die SS verantwortlich. 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