{"id":24,"date":"2023-04-12T11:33:59","date_gmt":"2023-04-12T09:33:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.initiative-loewensteinverein.de\/wpc\/?page_id=24"},"modified":"2025-05-05T18:20:39","modified_gmt":"2025-05-05T16:20:39","slug":"rueckblick","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.initiative-loewensteinverein.de\/wpc\/index.php\/rueckblick\/","title":{"rendered":"R\u00fcckblick"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>\u201eEs ist ein Heimkommen f\u00fcr mich\u201c (Doris Angel)<\/em><strong><br><\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-left\"><strong>Eine Auswahl an Stimmen und Zitaten anl\u00e4sslich der Besuche der Familie L\u00f6wenstein in den Jahren 2009, 2011 und 2013<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Im September 2007 gr\u00fcndeten B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger den L\u00f6wenstein-Forschungsverein. Eineinhalb Jahre lang suchten sie intensiv nach Spuren der L\u00f6wensteins und nach den Nachkommen von Artur und Felix L\u00f6wenstein. Im Fr\u00fchsommer 2009 reiste eine Delegation des Vereins zu einer ersten Zusammenkunft nach Manchester. Die Delegation \u00fcberbrachte Doris Angel, der Tochter von Felix L\u00f6wenstein, und Harold Livingston, dem Sohn von Artur L\u00f6wenstein, die gemeinsame Einladung der Stadt M\u00f6ssingen und des L\u00f6wenstein-Forschungsvereins zu einem ersten Besuch nach M\u00f6ssingen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"540\" height=\"405\" src=\"http:\/\/www.initiative-loewensteinverein.de\/wpc\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Doris-Harold-u.a.-2009.jpg\" alt=\"Erster Besuch nach \u00fcber 70 Jahren 2009 in M\u00f6ssingen\" class=\"wp-image-368\" srcset=\"https:\/\/www.initiative-loewensteinverein.de\/wpc\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Doris-Harold-u.a.-2009.jpg 540w, https:\/\/www.initiative-loewensteinverein.de\/wpc\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Doris-Harold-u.a.-2009-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>Nach mehr als 60 Jahren: Besuch von Mitgliedern der Familie L\u00f6wenstein in M\u00f6ssingen. Von links nach rechts: Ann Angel, Doris Angel, Tony Paxton, Sandra Lustig, Ronnie Jacob, Jacqueline Cowley, Harold Livingston, Catherine Lustig-Radt.<\/em> <em>Auf den Bildern im Hintergrund sind die Pausa-Gr\u00fcnder:innen zu sehen. Links: Helene und Felix L\u00f6wenstein, rechts: Flora und Artur L\u00f6wenstein<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Werner Fifka, Oberb\u00fcrgermeister der Stadt M\u00f6ssingen (2009)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eIm Namen der Gro\u00dfen Kreisstadt M\u00f6ssingen und im Namen seiner B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger m\u00f6chte ich Sie, Frau Angel, und Sie, Herr Livingston, sowie die weiteren Mitglieder der Familie L\u00f6wenstein, auf das herzlichste hier begr\u00fc\u00dfen und willkommen hei\u00dfen. Es war und ist mir als Oberb\u00fcrgermeister ein pers\u00f6nliches und nachhaltiges Anliegen, Sie in einer Geste des Aufeinanderzugehens und des aufrichtigen Dialoges anzusprechen. Ich bin dankbar daf\u00fcr, dass Sie unsere Einladung angenommen haben und nach fast 73 Jahren zum ersten Mal wieder hierher an diesen Ort zur\u00fcckgekehrt sind. Ich bin sicher, dies war f\u00fcr Sie kein einfacher Schritt. F\u00fcr mich und f\u00fcr viele hier im Raum ist es ein bewegender Moment, wenn wir uns der Geschichte der Br\u00fcder L\u00f6wenstein und der Geschichte der Pausa in Ihrem pers\u00f6nlichen Beisein bewusst zuwenden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eDie Br\u00fcder Artur und Felix L\u00f6wenstein waren hochbegabte, liberale und weltoffene Menschen, die aus ihrem j\u00fcdischen Elternhaus in Stuttgart ihre sozialen und ethischen Grundwerte mitbekommen haben. Sie waren zwei von neun Geschwistern. Sie waren innovative schw\u00e4bische T\u00fcftler und Macher, wie man sie sich nicht besser w\u00fcnschen konnte. In den Anfangsjahren der Pausa AG wohnten die beiden Br\u00fcder noch in Stuttgart und kamen nur zur Arbeit nach M\u00f6ssingen. Nach 1929 \u00e4nderte sich dies. Artur und Felix L\u00f6wenstein wohnten in M\u00f6ssingen und fuhren nur am Wochenende nach Stuttgart. Sie waren M\u00f6ssinger geworden. Sie geh\u00f6rten zur M\u00f6ssinger B\u00fcrgerschaft. Sie waren Teil der Stadt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eEs ist damals Unrecht geschehen in unserer Stadt und es ist Zeit, dar\u00fcber zu sprechen. Es waren aktive Nationalsozialisten und ihre Mitl\u00e4ufer, die die Vertreibung der L\u00f6wensteins aus M\u00f6ssingen und die Zwangs,arisierung\u2018 ihres Betriebes, in die Wege leiteten. Diese Vorg\u00e4nge waren Unrecht. Es waren antisemitische Verbrechen. Das T\u00fcbinger Landgericht hat diese Vorg\u00e4nge 1949 und 1950 verhandelt und unzweideutig festgestellt, dass die so genannte ,Arisierung\u2018 unrechtm\u00e4\u00dfig und die ,Arisierer\u2018 \u2013 so das Gericht w\u00f6rtlich \u2013 ,b\u00f6sgl\u00e4ubig\u2018 waren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eAuch die damalige Verwaltung der Stadt M\u00f6ssingen hatte sich mit schuldig gemacht und wurde verurteilt. Sie war dem unrechtm\u00e4\u00dfigen Handeln, das den L\u00f6wensteins widerfuhr, nicht nur nicht entgegentreten, sondern hatte dem zum Teil die T\u00fcr ge\u00f6ffnet. Die Menschen, die heute in M\u00f6ssingen leben, die in Verwaltung und Wirtschaft Verantwortung tragen, sind zu jung, um T\u00e4ter gewesen sein zu k\u00f6nnen. Wir sind nicht schuldig im unmittelbaren Sinne. Wir tragen aber moralische Verantwortung f\u00fcr unser Gemeinwesen und f\u00fcr die menschliche Weiterentwicklung unserer Gesellschaft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eAuch wenn heutige Worte das damals Geschehene nicht mehr ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, so bitte ich Sie beide f\u00fcr das Ihnen zugef\u00fcgte Leid und f\u00fcr das Leid, das man Ihren V\u00e4tern und M\u00fcttern zuf\u00fcgte, im Namen der Stadt M\u00f6ssingen um Entschuldigung und bitte Sie, diese anzunehmen. Artur und Felix L\u00f6wenstein waren Teil der M\u00f6ssinger Geschichte und sie sollen es f\u00fcrderhin sein und bleiben. Dies wurde heute am Vormittag symbolisch unterstrichen, als sich Doris Angel und Harold Livingston in Erinnerung an ihre V\u00e4ter ins ,Goldene Buch\u2018 der Stadt M\u00f6ssingen eintrugen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Irene Scherer, Vorsitzende des L\u00f6wenstein-Forschungsvereins (2009)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eWir sind hierher gekommen, um uns gemeinsam \u00f6ffentlich zu erinnern. Wir wollen mit Felix und Helene L\u00f6wenstein sowie Artur und Flora L\u00f6wenstein vier Menschen w\u00fcrdigen, deren Spuren verdr\u00e4ngt wurden und die scheinbar aus der Geschichte heraus gefallen sind. Wir sind hierher gekommen, um das Wort zu erheben \u00fcber zur\u00fcckliegendes Unrecht, das bis heute wirkt. Wir sind hierher gekommen, um endlich denen die Hand zu reichen, die vor vielen Jahrzehnten mit Hass verfolgt, bedroht und sch\u00e4ndlich aus M\u00f6ssingen vertrieben wurden. Wir wollen die Geschichte der L\u00f6wensteins zu einem immer pr\u00e4senten und r\u00fcckbesinnenden Teil der Zukunft M\u00f6ssingens machen. Das Jahr 2009 bietet dazu vielf\u00e4ltigen Anlass. Es markiert unter anderem den 50. Todestag von Artur L\u00f6wenstein, der 1959 starb. Liebe Doris, lieber Harold, wir sind sehr froh dar\u00fcber, dass Ihr den Weg nach M\u00f6ssingen gefunden habt, dass Ihr Euch unserer Bitte um das Gespr\u00e4ch so unvoreingenommen gezeigt habt. Ihr seid uns mit offenen Armen und mit Herzlichkeit begegnet. Es ist eine Herzlichkeit, die mit gro\u00dfer Kraft \u00fcber vergangenes Unheil und Leid hinweg schreitet, ohne dieses auszublenden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eDrei Wochen lang bereiteten wir unseren ersten Brief vor. Er sollte einf\u00fchlsam sein, glaubw\u00fcrdig und einladend. Aus anderen Zusammenh\u00e4ngen wussten wir, wie entscheidend der erste Eindruck sein kann, wenn alte Wunden ber\u00fchrt werden und wenn ganz pl\u00f6tzlich die Sprache der Kindheit zur\u00fcckkommt. Doch die ersten Reaktionen von Doris Angel und Harold Livingston gaben uns Hoffnung. Harold Livingston schrieb: ,Es gibt mir gro\u00dfe Genugtuung zu wissen, dass die Stadt M\u00f6ssingen durch Ihren Forschungsverein die Arbeit meines Vaters Artur L\u00f6wenstein und Onkel Felix f\u00fcr die Zukunft bewahren wollen.\u2018 Aus seiner zweiten langen autobiografischen Botschaft war aber doch zu erkennen, wie nah das Vergangene noch immer ist. Harold erkl\u00e4rte im Rahmen der Schilderung seines Lebens: ,The Nazis could not manage to kill me.\u2018 ,Die Nazis hatten es nicht geschafft, mich zu t\u00f6ten.\u2018 \u2212 Ein harter, ein klarer Satz, in dem nichts vergessen ist. [\u2026] Diese erste Begegnung war sehr bewegend. Lange ausf\u00fchrliche Gespr\u00e4che lie\u00dfen viele Jahrzehnte wieder lebendig werden, lie\u00dfen Kindheit und die schw\u00e4bische Sprache zur\u00fcckkehren. Doris Angel antwortete am Ende auf die Frage, was sie empfinde, wenn sie jetzt nach M\u00f6ssingen reise: ,Es ist ein Heimkommen f\u00fcr mich.\u2018\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Doris Angel, Tochter von Felix L\u00f6wenstein (2009)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eWir sind heute zusammengekommen, um das Andenken an Artur und Felix L\u00f6wenstein zu ehren, zwei sch\u00f6pferische und flei\u00dfige Unternehmer. Unsere V\u00e4ter waren ma\u00dfgeblich an der Begr\u00fcndung der modernen Wirtschaft von M\u00f6ssingen beteiligt. Harold und ich freuen uns, dass die Stadt heute bl\u00fcht und gedeiht, und besonders dar\u00fcber, dass die Stadtverwaltung und viele M\u00f6ssinger B\u00fcrger die Leistungen der Br\u00fcder L\u00f6wenstein anerkennen und w\u00fcrdigen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Harold Livingston, Sohn von Artur L\u00f6wenstein (2009)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eEs ist wirklich erstaunlich, dass nach so langer Zeit die gesch\u00e4ftliche und k\u00fcnstlerische Seite der Pausa mit ihrer Verbindung zur Bauhaus-Kultur jetzt hier in M\u00f6ssingen gefeiert wird \u2013 mit Nachkommen und anderen Mitgliedern der Familien der Gebr\u00fcder Artur und Felix L\u00f6wenstein. [\u2026] Ich muss mich sehr bedanken bei Ihnen Herr Oberb\u00fcrgermeister und beim L\u00f6wenstein-Forschungsverein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Michael Bulander, Oberb\u00fcrgermeister der Stadt M\u00f6ssingen (2011)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eMit dem heutigen Tag und der Benennung dieses Platzes wird der Name L\u00f6wenstein mit der Stadt M\u00f6ssingen noch st\u00e4rker, enger und dauerhaft verkn\u00fcpft. Wir wollen damit die Arbeiten von Artur und Felix L\u00f6wenstein w\u00fcrdigen und an deren Wirken, Handeln und ihrem Schicksal erinnern. W\u00fcrdigung hei\u00dft auch Erinnerung. Und die Erinnerung ist Teil der Verantwortung, die wir als nachfolgende Generation haben. Wir wollen dauerhaft die Erinnerung an die Menschen wach halten, die hier in M\u00f6ssingen vieles f\u00fcr die Stadt und die Gemeinschaft bewegt haben. M\u00f6ge uns dieser Platz das Andenken an die beiden Firmengr\u00fcnder Artur und Felix L\u00f6wenstein bewahren. Deshalb lassen Sie uns nun gemeinsam diesem Platz symbolisch den Namen L\u00f6wensteinplatz geben, indem wir die Hausanschrift dieses historischen und neu sanierten Geb\u00e4udes enth\u00fcllen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Joachim Walter, Landrat des Landkreises T\u00fcbingen (2011)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eDie Geschichte der L\u00f6wensteins und damit die Geschichte der Juden in M\u00f6ssingen endete mit dem nationalsozialistischen Terror. Die Gebr\u00fcder L\u00f6wenstein mussten 1936 vor den Nazis fliehen. Damals hie\u00df es: ,Sie mussten ihre Fabrik unter Wert verkaufen\u2018. Das war gelogen: Sie wurden schlicht und ergreifend enteignet. Die einen profitierten, die anderen schauten weg, niemand unternahm etwas! Auch die Beh\u00f6rden wirkten bei der Enteignung eng zusammen. Unter anderem auch der damalige Landrat von Rottenburg, der neben dem B\u00fcrgermeister und den Bankiers in den Gespr\u00e4chen, die der Enteignung voraus gingen, dabei war. Ich bin dankbar, dass Doris Angel und Harold Livingston, die Kinder der Gebr\u00fcder L\u00f6wenstein heute bei uns sind. Ich darf Sie herzlich begr\u00fc\u00dfen und bin auch dankbar daf\u00fcr, dass ich in einem vorausgehenden Gespr\u00e4ch mich pers\u00f6nlich f\u00fcr das Vorgehen des damaligen Landrats entschuldigen konnte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Irene Scherer, Vorsitzende des L\u00f6wenstein-Forschungsvereins (2011)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eWir nehmen 2011 den schwarzen Jahrestag, an dem sich die Vertreibung der Familie L\u00f6wenstein aus M\u00f6ssingen im Dezember 1936 zum 75. Mal j\u00e4hrt zum Anlass einer gro\u00dfen Kraftanstrengung: Wir wollen das Verbindende suchen. Das, was Euch liebe L\u00f6wensteins mit M\u00f6ssingen verbindet. Das was M\u00f6ssingen mit der Pausa verbindet. Das, was die Alte Pausa der zwanziger Jahre mit der Neuen Pausa der Nachkriegsjahre verbindet. Eine verbindende Achse zwischen den L\u00f6wensteins und der Pausa, zwischen der Pausa und M\u00f6ssingen, zwischen der Alten Pausa vor 1933 und der Neuen Pausa nach 1950 war das kreative Umgehen mit den langwelligen Impulsen des Bauhauses, die insbesondere Felix L\u00f6wenstein ausl\u00f6ste. Kunst und Drucktechnik, Kultur und Wirtschaft, handwerkliche Einzelfertigung und brillante Vervielf\u00e4ltigung \u2013 hier liegt die Kontinuit\u00e4t des Traumes von Felix und Artur L\u00f6wenstein von 1919 bis zur Gegenwart. Hierin liegt der noch zu hebende Schatz M\u00f6ssingens. An diesem Vorschein der Kreativit\u00e4t gilt es verst\u00e4rkt zu arbeiten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eIm Sommer vergangenen Jahres haben wir die Initiative gestartet, den Tag des 22. Juli zu einem j\u00e4hrlich wiederkehrenden Tag des b\u00fcrgerschaftlichen Erinnerns zu erkl\u00e4ren. Es ist ein Tag der Hoffnung, denn es war der Tag des ersten Empfanges der L\u00f6wensteins 73 Jahre nach ihrer Vertreibung. Der 22. Juli ist ein positiver Mosaikstein f\u00fcr eine wieder gemeinsame Zukunft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Joachim Walter, Landrat des Landkreises T\u00fcbingen und Vorsitzender des Verwaltungsrates der Kreissparkasse T\u00fcbingen (2013)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eEs ist mir eine gro\u00dfe Freude und zugleich eine gro\u00dfe Ehre, Sie, die Nachfahren der Br\u00fcder L\u00f6wenstein, hier in M\u00f6ssingen, wo die Wurzeln Ihrer Familie im Landkreis T\u00fcbingen liegen, herzlich begr\u00fc\u00dfen zu d\u00fcrfen. Ihre Vorfahren haben dem Textildruckunternehmen Pausa und damit dessen Standort M\u00f6ssingen zu internationalem Renommee und zu einer Rolle in der Welt von Design, Kunst und Kultur verholfen! Wenn wir uns heute hier mit Ihnen treffen, steht jedoch ein anderes Thema im Mittelpunkt, das Unrecht, das Ihrer Familie im nationalsozialistischen Deutschland im letzten Jahrhundert widerfahren ist. Zu diesem Thema m\u00f6chte ich ganz bewusst zu Ihnen sprechen als derjenige, der dem fr\u00fcheren Rottenburger Landrat, der auch Verwaltungsratsvorsitzender der Kreissparkasse Rottenburg war, im Amt gefolgt ist und der heute Verantwortung f\u00fcr beide Institutionen tr\u00e4gt. Ich darf auch im Namen des Vorstandes der Kreissparkasse T\u00fcbingen sprechen. Wir sind heute alle aufgerufen, auf die damaligen Vorg\u00e4nge zu schauen und uns Fragen f\u00fcr die Gegenwart zu stellen. Damals wie heute war es nicht ein anonymer Staat, sondern konkrete Personen, die handelten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eWenn es in den Unterlagen der fr\u00fcheren Kreissparkasse Rottenburg relativ lapidar zum Jahr 1936 hei\u00dft, die Gebr\u00fcder L\u00f6wenstein in M\u00f6ssingen, das zum Oberamt Rottenburg geh\u00f6rte, h\u00e4tten sich ,entschlossen, die in ihren H\u00e4nden befindliche Aktien und den Betrieb rasch m\u00f6glichst zu verkaufen\u2018, dann k\u00f6nnen wir diese Aussage aufgrund des derzeitigen historischen Kenntnisstandes gut einordnen, indem wir sie mit anderen Vorg\u00e4ngen der damaligen Zeit im Deutschen Reich vergleichen. Ich spreche von der von den Nationalsozialisten als ,Arisierung\u2018 verharmlosend bezeichneten rechtswidrigen Enteignung j\u00fcdischer Mitb\u00fcrger. Diese ,Arisierung\u2018 war einer der Schritte, die im verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig Kleinen begannen und letztlich im kaum vorstellbaren Verbrechen des Holocaust endeten, wo Millionen Menschen alles genommen wurde: Die letzten Kleidungsst\u00fccke, das Zahngold, ihre Haare, ihr K\u00f6rper, ihr Leben!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eLokale Parteiinstanzen, untere Verwaltungsbeh\u00f6rden und die regionalen Wirtschaftsverb\u00e4nde machten mit Denunzianten und Gewinnlern gemeinsame Sache und wurden zum Motor der ,Arisierung\u2018 vor Ort. Ohne durch rechtliche oder gesetzliche Ma\u00dfnahmen dazu gezwungen zu sein, dr\u00e4ngten Entscheidungstr\u00e4ger vor Ort unter Aussch\u00f6pfung und \u00dcberschreitung ihrer Befugnisse j\u00fcdische Unternehmer ins Abseits. Es kristallisierten sich regelrechte Ausgrenzungsmodelle heraus, zu denen der Entzug \u00f6ffentlicher Auftr\u00e4ge geh\u00f6rte, zu denen immer wieder \u00f6rtliche Kreditinstitute ihre Kenntnisse beitrugen, etwa indem sie im Kern gesunden Unternehmen Kredite f\u00fcr eine Zwischenfinanzierung versagten, Kredite k\u00fcndigten, die Zwangsversteigerung voran trieben. So auch im Fall der Br\u00fcder L\u00f6wenstein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eMit dem von der Kreissparkasse r\u00fcckgeforderten Kredit und der Drohung des Boykotts von Waren der PAUSA erpressten die Vertreter von staatlichen Stellen und Kreditinstituten die j\u00fcdischen Unternehmer. Die Partei w\u00fcrde daf\u00fcr sorgen, so bekamen die L\u00f6wensteins zu h\u00f6ren, dass die Firma als j\u00fcdisches Unternehmen k\u00fcnftig keinerlei Ums\u00e4tze mehr im Inland machen werde. Ohne jeden rechtsstaatlichen Schutz sahen die L\u00f6wensteins nur noch den Weg, ihre Aktien zu verkaufen und mit ihren Familien auszuwandern. Zu einem wohl auch mit Hilfe der staatlich sanktionierten Intrige auf etwa ein F\u00fcnftel des Wertes gedr\u00fcckten Preis erwarb schlie\u00dflich am 19. November 1936 die Wannweiler Firma Richard Burkhardt und Burkhardts Schwiegersohn Werner Greiner die PAUSA. Entlarvend, wie rasch nach dem Besitzerwechsel wieder Kredite der Kreissparkasse und B\u00fcrgschaften der Stadt M\u00f6ssingen f\u00fcr die neuen Besitzer flossen! Und der M\u00f6ssinger B\u00fcrgermeister samt Stadtrat \u00e4u\u00dferte sich befriedigt dar\u00fcber, dass es endlich gelungen sei, das Unternehmen in arische H\u00e4nde zu bringen. Ein gro\u00dfes Dankesch\u00f6n auch dem L\u00f6wenstein Forschungsverein, der sich um die Aufarbeitung der Geschehnisse gro\u00dfe Verdienste erworben hat.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eWir alle vertrauen darauf, dass unsere unter dem Dach Europas etablierte demokratische Gesellschaft stabil genug ist, um solchen Anfechtungen zu widerstehen. Das ist aber nichts, was ohne Zutun einfach bleibt: Es ist auch heute notwendig, sich der damaligen Ereignisse zu erinnern, sie aufzuarbeiten, immer wieder innezuhalten und sich dazu positionieren. Und das, meine Damen und Herren, liebe Nachfahren der Familie L\u00f6wenstein, wollen wir heute tun. Dass ein deutsches Gericht am 29. November 1950 daf\u00fcr sorgte, dass die Familie L\u00f6wenstein wenigstens f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil des 1936 geraubten Verm\u00f6gens entsch\u00e4digt wurde, kann nur ein erster Schritt gewesen sein. Was damals geschah, war und bleibt Unrecht! Als Landrat, der auch Verwaltungsratsvorsitzender der Kreissparkasse ist, will ich mich bei Ihnen, sehr geehrte Frau Angel, bei Ihnen sehr geehrter Herr Livingston und bei der ganzen Familie nochmals f\u00fcr das Ihren V\u00e4tern, Gro\u00dfv\u00e4tern und Urgro\u00dfv\u00e4tern, den Br\u00fcder L\u00f6wenstein von denen, die damals Verantwortung trugen Angetane in aller Form entschuldigen und Sie um Verzeihung bitten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Doris Angel, Tochter von Felix L\u00f6wenstein (2013)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eHarold und ich sind auf Einladung des L\u00f6wenstein-Forschungsvereins und des Theaters Lindenhofs hierhergekommen. Wir sind beide vor allem hier, um an unsere Eltern und deren Leistungen zu erinnern. Aus Anlass einer Sondervorstellung des Theaterst\u00fccks ,Ein Dorf im Widerstand\u2018, der Ver\u00f6ffentlichung eines einzigartigen Buchs und der Gr\u00fcndung einer Forschungs- und Archivstelle sind wir mit zwei weiteren Generationen unserer Familie nach M\u00f6ssingen gereist. Diese drei Veranstaltungen sind au\u00dferordentlich bewegend.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eWir waren alle beeindruckt und bewegt von der erstaunlichen und bildm\u00e4chtigen Vorstellung des Theaters Lindenhof. Das starke Engagement einer so gro\u00dfen Gruppe von Mitwirkenden spiegelt wider, wie wichtig es ist, an diejenigen Menschen einer vorangegangenen Generation zu erinnern, die in einem feindseligen Umfeld aufgestanden sind, um zu protestieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eSchlie\u00dflich ist mir die Gr\u00fcndung der L\u00f6wenstein-Forschungs- und Archivstelle eine Herzensangelegenheit. Auf einer pers\u00f6nlichen Ebene bin ich mir sicher, dass die Forschung nicht nur die Leistungen meines Vaters und meines Onkels, sondern auch den Beitrag vieler in die Pausa involvierter Menschen ans Licht bringen wird. Sie wird sicherlich auch ein Schlaglicht auf schwierige Wahrheiten \u00fcber Unrecht in der Vergangenheit werfen. Die Untersuchung der Beziehung zu Professor Adolf L\u00f6we und meiner Tante Bea wird ein besonders interessanter Aspekt sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eIch hoffe, dass diese Projekte als Inspiration dienen, um sicherzustellen, dass die Gesellschaft Rassismus und Vorurteile fr\u00fchzeitig erkennt und begegnet, indem Einzelpersonen wie Institutionen von ihrem Recht Gebrauch machen, ihre Stimme zu erheben, friedlich zu protestieren und demokratische Politiken umzusetzen. Ich freue mich darauf, den Dialog mit den B\u00fcrgern von M\u00f6ssingen weiterzuf\u00fchren und hoffe, dass er diese Ziele unterst\u00fctzen wird. Wie bereits bei unserem ersten und zweiten Besuch haben so viele Menschen auch in diesem Jahr hart gearbeitet, um meine Familie willkommen zu hei\u00dfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Harold Livingston, Sohn von Artur L\u00f6wenstein (2013)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eIch bin sicher, dass sich alle Mitglieder der L\u00f6wenstein-Familie bedanken wollen: Erstens f\u00fcr diese gro\u00dfe Arbeit des L\u00f6wenstein-Forschungsvereins. Zweitens f\u00fcr die \u00f6ffentliche Entschuldigung, die im Jahr 2009 vom damaligen Oberb\u00fcrgermeister Werner Fifka f\u00fcr das Verhalten des Rathauses im Jahr 1935\/36 ausgesprochen wurde. Drittens f\u00fcr die \u00f6ffentliche Entschuldigung von Herrn Landrat Walter im Jahr 2011 f\u00fcr das Verhalten seines historischen Vorg\u00e4ngers. Viertens f\u00fcr die heutige Entschuldigung der Kreissparkasse T\u00fcbingen f\u00fcr das Vorgehen der damaligen Sparkasse im Jahr 1935\/36.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eNun muss ich noch meine gro\u00dfe Freude zum Ausdruck bringen, wenn ich von alten \u201ePausanern\u201c eine E-Mail oder eine andere Mitteilung empfange. Ich glaube, manche wollen nun ein bissle mit mir sprechen. Ich freue mich schon darauf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Irene Scherer, Vorsitzende des L\u00f6wenstein-Forschungsvereins (2013)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eLiebe Doris, lieber Harold, liebe Familie L\u00f6wenstein, als Ihr Euch bereit erkl\u00e4rtet, ein weiteres Mal nach M\u00f6ssingen zu kommen, verbandet Ihr den neuen Besuch mit einer besonderen Geste. Da das jetzige Zusammensein zugleich auch eines der bislang gr\u00f6\u00dften internationalen Familientreffen darstellt, wolltet Ihr beide, Doris und Harold, diesen Anlass nutzen, um innerhalb der Familie den Stab der Verantwortung f\u00fcr die neue Freundschaft mit M\u00f6ssingen an die j\u00fcngere Generation weiterzugeben. F\u00fcr diese weitsichtige Geste m\u00f6chten wir Euch sehr herzlich danken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eUnser Handeln ist keine private Angelegenheit. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus, an Antisemitismus jener Zeit und an die Shoa ist eine \u00f6ffentliche Aufgabe und muss eine \u00f6ffentliche Aufgabe bleiben. Wir wollen mit unserem b\u00fcrgerschaftlichen Engagement und mit einem partnerschaftlichen Netzwerk unseren Beitrag leisten, dass Geschichtliches nicht vergessen wird und dass erkennbar wird, wie scheinbar Zur\u00fcckliegendes bis heute unseren Alltag beeinflusst. Dabei hilft uns ein Wort von Elli Wiesel: \u201eErinnerung muss Menschen zusammenbringen, anstatt sie zu trennen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEs ist ein Heimkommen f\u00fcr mich\u201c (Doris Angel) Eine Auswahl an Stimmen und Zitaten anl\u00e4sslich der Besuche der Familie L\u00f6wenstein in den Jahren 2009, 2011 und 2013 Im September 2007 gr\u00fcndeten B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger den L\u00f6wenstein-Forschungsverein. Eineinhalb Jahre lang suchten sie intensiv nach Spuren der L\u00f6wensteins und nach den Nachkommen von Artur und Felix L\u00f6wenstein. Im Fr\u00fchsommer 2009 reiste eine Delegation des Vereins zu einer ersten Zusammenkunft nach Manchester. Die Delegation \u00fcberbrachte Doris Angel, der Tochter von Felix L\u00f6wenstein, und Harold Livingston, dem Sohn von Artur L\u00f6wenstein, die gemeinsame Einladung der Stadt M\u00f6ssingen und des L\u00f6wenstein-Forschungsvereins zu einem ersten Besuch nach M\u00f6ssingen. Nach mehr als 60 Jahren: Besuch von Mitgliedern der Familie L\u00f6wenstein in M\u00f6ssingen. Von links nach rechts: Ann Angel, Doris Angel, Tony Paxton, Sandra Lustig, Ronnie Jacob, Jacqueline Cowley, Harold Livingston, Catherine Lustig-Radt. Auf den Bildern im Hintergrund sind die Pausa-Gr\u00fcnder:innen zu sehen. Links: Helene und Felix L\u00f6wenstein, rechts: Flora und Artur L\u00f6wenstein Werner Fifka, Oberb\u00fcrgermeister der Stadt M\u00f6ssingen (2009) \u201eIm Namen der Gro\u00dfen Kreisstadt M\u00f6ssingen und im Namen seiner B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger m\u00f6chte ich Sie, Frau Angel, und Sie, Herr Livingston, sowie die weiteren Mitglieder der Familie L\u00f6wenstein, auf das herzlichste hier begr\u00fc\u00dfen und willkommen hei\u00dfen. Es war und ist mir als Oberb\u00fcrgermeister ein pers\u00f6nliches und nachhaltiges Anliegen, Sie in einer Geste des Aufeinanderzugehens und des aufrichtigen Dialoges anzusprechen. Ich bin dankbar daf\u00fcr, dass Sie unsere Einladung angenommen haben und nach fast 73 Jahren zum ersten Mal wieder hierher an diesen Ort zur\u00fcckgekehrt sind. Ich bin sicher, dies war f\u00fcr Sie kein einfacher Schritt. F\u00fcr mich und f\u00fcr viele hier im Raum ist es ein bewegender Moment, wenn wir uns der Geschichte der Br\u00fcder L\u00f6wenstein und der Geschichte der Pausa in Ihrem pers\u00f6nlichen Beisein bewusst zuwenden.\u201c \u201eDie Br\u00fcder Artur und Felix L\u00f6wenstein waren hochbegabte, liberale und weltoffene Menschen, die aus ihrem j\u00fcdischen Elternhaus in Stuttgart ihre sozialen und ethischen Grundwerte mitbekommen haben. Sie waren zwei von neun Geschwistern. Sie waren innovative schw\u00e4bische T\u00fcftler und Macher, wie man sie sich nicht besser w\u00fcnschen konnte. In den Anfangsjahren der Pausa AG wohnten die beiden Br\u00fcder noch in Stuttgart und kamen nur zur Arbeit nach M\u00f6ssingen. Nach 1929 \u00e4nderte sich dies. Artur und Felix L\u00f6wenstein wohnten in M\u00f6ssingen und fuhren nur am Wochenende nach Stuttgart. Sie waren M\u00f6ssinger geworden. Sie geh\u00f6rten zur M\u00f6ssinger B\u00fcrgerschaft. Sie waren Teil der Stadt.\u201c \u201eEs ist damals Unrecht geschehen in unserer Stadt und es ist Zeit, dar\u00fcber zu sprechen. Es waren aktive Nationalsozialisten und ihre Mitl\u00e4ufer, die die Vertreibung der L\u00f6wensteins aus M\u00f6ssingen und die Zwangs,arisierung\u2018 ihres Betriebes, in die Wege leiteten. Diese Vorg\u00e4nge waren Unrecht. Es waren antisemitische Verbrechen. Das T\u00fcbinger Landgericht hat diese Vorg\u00e4nge 1949 und 1950 verhandelt und unzweideutig festgestellt, dass die so genannte ,Arisierung\u2018 unrechtm\u00e4\u00dfig und die ,Arisierer\u2018 \u2013 so das Gericht w\u00f6rtlich \u2013 ,b\u00f6sgl\u00e4ubig\u2018 waren.\u201c \u201eAuch die damalige Verwaltung der Stadt M\u00f6ssingen hatte sich mit schuldig gemacht und wurde verurteilt. Sie war dem unrechtm\u00e4\u00dfigen Handeln, das den L\u00f6wensteins widerfuhr, nicht nur nicht entgegentreten, sondern hatte dem zum Teil die T\u00fcr ge\u00f6ffnet. Die Menschen, die heute in M\u00f6ssingen leben, die in Verwaltung und Wirtschaft Verantwortung tragen, sind zu jung, um T\u00e4ter gewesen sein zu k\u00f6nnen. Wir sind nicht schuldig im unmittelbaren Sinne. Wir tragen aber moralische Verantwortung f\u00fcr unser Gemeinwesen und f\u00fcr die menschliche Weiterentwicklung unserer Gesellschaft.\u201c \u201eAuch wenn heutige Worte das damals Geschehene nicht mehr ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, so bitte ich Sie beide f\u00fcr das Ihnen zugef\u00fcgte Leid und f\u00fcr das Leid, das man Ihren V\u00e4tern und M\u00fcttern zuf\u00fcgte, im Namen der Stadt M\u00f6ssingen um Entschuldigung und bitte Sie, diese anzunehmen. Artur und Felix L\u00f6wenstein waren Teil der M\u00f6ssinger Geschichte und sie sollen es f\u00fcrderhin sein und bleiben. Dies wurde heute am Vormittag symbolisch unterstrichen, als sich Doris Angel und Harold Livingston in Erinnerung an ihre V\u00e4ter ins ,Goldene Buch\u2018 der Stadt M\u00f6ssingen eintrugen.\u201c Irene Scherer, Vorsitzende des L\u00f6wenstein-Forschungsvereins (2009) \u201eWir sind hierher gekommen, um uns gemeinsam \u00f6ffentlich zu erinnern. Wir wollen mit Felix und Helene L\u00f6wenstein sowie Artur und Flora L\u00f6wenstein vier Menschen w\u00fcrdigen, deren Spuren verdr\u00e4ngt wurden und die scheinbar aus der Geschichte heraus gefallen sind. Wir sind hierher gekommen, um das Wort zu erheben \u00fcber zur\u00fcckliegendes Unrecht, das bis heute wirkt. Wir sind hierher gekommen, um endlich denen die Hand zu reichen, die vor vielen Jahrzehnten mit Hass verfolgt, bedroht und sch\u00e4ndlich aus M\u00f6ssingen vertrieben wurden. Wir wollen die Geschichte der L\u00f6wensteins zu einem immer pr\u00e4senten und r\u00fcckbesinnenden Teil der Zukunft M\u00f6ssingens machen. Das Jahr 2009 bietet dazu vielf\u00e4ltigen Anlass. Es markiert unter anderem den 50. Todestag von Artur L\u00f6wenstein, der 1959 starb. Liebe Doris, lieber Harold, wir sind sehr froh dar\u00fcber, dass Ihr den Weg nach M\u00f6ssingen gefunden habt, dass Ihr Euch unserer Bitte um das Gespr\u00e4ch so unvoreingenommen gezeigt habt. Ihr seid uns mit offenen Armen und mit Herzlichkeit begegnet. Es ist eine Herzlichkeit, die mit gro\u00dfer Kraft \u00fcber vergangenes Unheil und Leid hinweg schreitet, ohne dieses auszublenden.\u201c \u201eDrei Wochen lang bereiteten wir unseren ersten Brief vor. Er sollte einf\u00fchlsam sein, glaubw\u00fcrdig und einladend. Aus anderen Zusammenh\u00e4ngen wussten wir, wie entscheidend der erste Eindruck sein kann, wenn alte Wunden ber\u00fchrt werden und wenn ganz pl\u00f6tzlich die Sprache der Kindheit zur\u00fcckkommt. Doch die ersten Reaktionen von Doris Angel und Harold Livingston gaben uns Hoffnung. Harold Livingston schrieb: ,Es gibt mir gro\u00dfe Genugtuung zu wissen, dass die Stadt M\u00f6ssingen durch Ihren Forschungsverein die Arbeit meines Vaters Artur L\u00f6wenstein und Onkel Felix f\u00fcr die Zukunft bewahren wollen.\u2018 Aus seiner zweiten langen autobiografischen Botschaft war aber doch zu erkennen, wie nah das Vergangene noch immer ist. Harold erkl\u00e4rte im Rahmen der Schilderung seines Lebens: ,The Nazis could not manage to kill me.\u2018 ,Die Nazis hatten es nicht geschafft, mich zu t\u00f6ten.\u2018 \u2212 Ein harter, ein klarer Satz, in dem nichts vergessen ist. [\u2026] Diese erste Begegnung war sehr bewegend. Lange ausf\u00fchrliche Gespr\u00e4che lie\u00dfen viele Jahrzehnte wieder lebendig werden, lie\u00dfen Kindheit und die schw\u00e4bische Sprache zur\u00fcckkehren. Doris Angel antwortete am Ende auf die Frage, was sie empfinde, wenn sie jetzt nach M\u00f6ssingen reise: ,Es ist ein Heimkommen f\u00fcr mich.\u2018\u201c Doris Angel, Tochter von Felix L\u00f6wenstein (2009) \u201eWir sind heute zusammengekommen, um das Andenken an Artur und Felix L\u00f6wenstein zu ehren, zwei sch\u00f6pferische und flei\u00dfige Unternehmer. Unsere V\u00e4ter waren ma\u00dfgeblich an der Begr\u00fcndung der modernen Wirtschaft von M\u00f6ssingen beteiligt. Harold und ich freuen uns, dass die Stadt heute bl\u00fcht und gedeiht, und besonders dar\u00fcber, dass die Stadtverwaltung und viele M\u00f6ssinger B\u00fcrger die Leistungen der Br\u00fcder L\u00f6wenstein anerkennen und w\u00fcrdigen.\u201c Harold Livingston, Sohn von Artur L\u00f6wenstein (2009) \u201eEs ist wirklich erstaunlich, dass nach so langer Zeit die gesch\u00e4ftliche und k\u00fcnstlerische Seite der Pausa mit ihrer Verbindung zur Bauhaus-Kultur jetzt hier in M\u00f6ssingen gefeiert wird \u2013 mit Nachkommen und anderen Mitgliedern der Familien der Gebr\u00fcder Artur und Felix L\u00f6wenstein. [\u2026] Ich muss mich sehr bedanken bei Ihnen Herr Oberb\u00fcrgermeister und beim L\u00f6wenstein-Forschungsverein.\u201c Michael Bulander, Oberb\u00fcrgermeister der Stadt M\u00f6ssingen (2011) \u201eMit dem heutigen Tag und der Benennung dieses Platzes wird der Name L\u00f6wenstein mit der Stadt M\u00f6ssingen noch st\u00e4rker, enger und dauerhaft verkn\u00fcpft. Wir wollen damit die Arbeiten von Artur und Felix L\u00f6wenstein w\u00fcrdigen und an deren Wirken, Handeln und ihrem Schicksal erinnern. W\u00fcrdigung hei\u00dft auch Erinnerung. Und die Erinnerung ist Teil der Verantwortung, die wir als nachfolgende Generation haben. Wir wollen dauerhaft die Erinnerung an die Menschen wach halten, die hier in M\u00f6ssingen vieles f\u00fcr die Stadt und die Gemeinschaft bewegt haben. M\u00f6ge uns dieser Platz das Andenken an die beiden Firmengr\u00fcnder Artur und Felix L\u00f6wenstein bewahren. Deshalb lassen Sie uns nun gemeinsam diesem Platz symbolisch den Namen L\u00f6wensteinplatz geben, indem wir die Hausanschrift dieses historischen und neu sanierten Geb\u00e4udes enth\u00fcllen.\u201c Joachim Walter, Landrat des Landkreises T\u00fcbingen (2011) \u201eDie Geschichte der L\u00f6wensteins und damit die Geschichte der Juden in M\u00f6ssingen endete mit dem nationalsozialistischen Terror. Die Gebr\u00fcder L\u00f6wenstein mussten 1936 vor den Nazis fliehen. Damals hie\u00df es: ,Sie mussten ihre Fabrik unter Wert verkaufen\u2018. Das war gelogen: Sie wurden schlicht und ergreifend enteignet. Die einen profitierten, die anderen schauten weg, niemand unternahm etwas! Auch die Beh\u00f6rden wirkten bei der Enteignung eng zusammen. Unter anderem auch der damalige Landrat von Rottenburg, der neben dem B\u00fcrgermeister und den Bankiers in den Gespr\u00e4chen, die der Enteignung voraus gingen, dabei war. Ich bin dankbar, dass Doris Angel und Harold Livingston, die Kinder der Gebr\u00fcder L\u00f6wenstein heute bei uns sind. Ich darf Sie herzlich begr\u00fc\u00dfen und bin auch dankbar daf\u00fcr, dass ich in einem vorausgehenden Gespr\u00e4ch mich pers\u00f6nlich f\u00fcr das Vorgehen des damaligen Landrats entschuldigen konnte.\u201c Irene Scherer, Vorsitzende des L\u00f6wenstein-Forschungsvereins (2011) \u201eWir nehmen 2011 den schwarzen Jahrestag, an dem sich die Vertreibung der Familie L\u00f6wenstein aus M\u00f6ssingen im Dezember 1936 zum 75. Mal j\u00e4hrt zum Anlass einer gro\u00dfen Kraftanstrengung: Wir wollen das Verbindende suchen. Das, was Euch liebe L\u00f6wensteins mit M\u00f6ssingen verbindet. Das was M\u00f6ssingen mit der Pausa verbindet. Das, was die Alte Pausa der zwanziger Jahre mit der Neuen Pausa der Nachkriegsjahre verbindet. Eine verbindende Achse zwischen den L\u00f6wensteins und der Pausa, zwischen der Pausa und M\u00f6ssingen, zwischen der Alten Pausa vor 1933 und der Neuen Pausa nach 1950 war das kreative Umgehen mit den langwelligen Impulsen des Bauhauses, die insbesondere Felix L\u00f6wenstein ausl\u00f6ste. Kunst und Drucktechnik, Kultur und Wirtschaft, handwerkliche Einzelfertigung und brillante Vervielf\u00e4ltigung \u2013 hier liegt die Kontinuit\u00e4t des Traumes von Felix und Artur L\u00f6wenstein von 1919 bis zur Gegenwart. Hierin liegt der noch zu hebende Schatz M\u00f6ssingens. An diesem Vorschein der Kreativit\u00e4t gilt es verst\u00e4rkt zu arbeiten.\u201c \u201eIm Sommer vergangenen Jahres haben wir die Initiative gestartet, den Tag des 22. Juli zu einem j\u00e4hrlich wiederkehrenden Tag des b\u00fcrgerschaftlichen Erinnerns zu erkl\u00e4ren. Es ist ein Tag der Hoffnung, denn es war der Tag des ersten Empfanges der L\u00f6wensteins 73 Jahre nach ihrer Vertreibung. Der 22. Juli ist ein positiver Mosaikstein f\u00fcr eine wieder gemeinsame Zukunft.\u201c Joachim Walter, Landrat des Landkreises T\u00fcbingen und Vorsitzender des Verwaltungsrates der Kreissparkasse T\u00fcbingen (2013) \u201eEs ist mir eine gro\u00dfe Freude und zugleich eine gro\u00dfe Ehre, Sie, die Nachfahren der Br\u00fcder L\u00f6wenstein, hier in M\u00f6ssingen, wo die Wurzeln Ihrer Familie im Landkreis T\u00fcbingen liegen, herzlich begr\u00fc\u00dfen zu d\u00fcrfen. Ihre Vorfahren haben dem Textildruckunternehmen Pausa und damit dessen Standort M\u00f6ssingen zu internationalem Renommee und zu einer Rolle in der Welt von Design, Kunst und Kultur verholfen! Wenn wir uns heute hier mit Ihnen treffen, steht jedoch ein anderes Thema im Mittelpunkt, das Unrecht, das Ihrer Familie im nationalsozialistischen Deutschland im letzten Jahrhundert widerfahren ist. Zu diesem Thema m\u00f6chte ich ganz bewusst zu Ihnen sprechen als derjenige, der dem fr\u00fcheren Rottenburger Landrat, der auch Verwaltungsratsvorsitzender der Kreissparkasse Rottenburg war, im Amt gefolgt ist und der heute Verantwortung f\u00fcr beide Institutionen tr\u00e4gt. Ich darf auch im Namen des Vorstandes der Kreissparkasse T\u00fcbingen sprechen. Wir sind heute alle aufgerufen, auf die damaligen Vorg\u00e4nge zu schauen und uns Fragen f\u00fcr die Gegenwart zu stellen. Damals wie heute war es nicht ein anonymer Staat, sondern konkrete Personen, die handelten.\u201c \u201eWenn es in den Unterlagen der fr\u00fcheren Kreissparkasse Rottenburg relativ lapidar zum Jahr 1936 hei\u00dft, die Gebr\u00fcder L\u00f6wenstein in M\u00f6ssingen, das zum Oberamt Rottenburg geh\u00f6rte, h\u00e4tten sich ,entschlossen, die in ihren H\u00e4nden befindliche Aktien und den Betrieb rasch m\u00f6glichst zu verkaufen\u2018, dann k\u00f6nnen wir diese Aussage aufgrund des derzeitigen historischen Kenntnisstandes gut einordnen, indem wir sie mit anderen Vorg\u00e4ngen der damaligen Zeit im Deutschen Reich vergleichen. Ich spreche von der von den Nationalsozialisten als ,Arisierung\u2018 verharmlosend bezeichneten rechtswidrigen Enteignung j\u00fcdischer Mitb\u00fcrger. Diese ,Arisierung\u2018 war einer der Schritte, die im verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig Kleinen begannen und letztlich im kaum vorstellbaren Verbrechen des Holocaust endeten, wo Millionen Menschen alles genommen wurde: Die letzten Kleidungsst\u00fccke, das Zahngold, ihre Haare, ihr K\u00f6rper, ihr Leben!\u201c \u201eLokale Parteiinstanzen, untere Verwaltungsbeh\u00f6rden und die regionalen Wirtschaftsverb\u00e4nde machten mit Denunzianten und Gewinnlern gemeinsame Sache und wurden zum Motor der ,Arisierung\u2018 vor Ort. Ohne durch rechtliche oder gesetzliche Ma\u00dfnahmen dazu gezwungen zu sein, dr\u00e4ngten Entscheidungstr\u00e4ger vor Ort unter Aussch\u00f6pfung und \u00dcberschreitung ihrer Befugnisse j\u00fcdische Unternehmer ins Abseits. Es kristallisierten sich regelrechte Ausgrenzungsmodelle heraus, zu denen der Entzug \u00f6ffentlicher Auftr\u00e4ge geh\u00f6rte, zu denen immer wieder \u00f6rtliche Kreditinstitute ihre Kenntnisse beitrugen, etwa indem sie im Kern gesunden Unternehmen Kredite f\u00fcr eine Zwischenfinanzierung versagten, Kredite k\u00fcndigten, die Zwangsversteigerung voran trieben. 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